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Info
Wie soll ich beginnen? Vielleicht mit meiner tiefen Überzeugung, dass unsere geliebte schwäbische Trainingssprache mit unserem Karatejapanisch sehr eng miteinander verwandt ist. Man könnte daraus schließen, dass beide einen gemeinsamen Ursprung haben. Der Beweis (für Nichtschwaben ins Englische übersetzt) ist leider durch die stetige Weiterentwicklung des Schwäbischen und Japanischen etwas verwässert:

Seiza entspricht "seddza" also: Hock de noh (Please, sit down).
Mokuso entspricht "Mondzu" also: halt dei Gosch ( Shut up!).
Mokuso-Yame entspricht "Mondzunemme", kosch dei Gosch wied'r uffmacha (OK!).

Die unterschiedliche Weiterentwicklung der beiden Kulturen lässt sich am deutlichsten zu Beginn einer Kampfhandlung, an Hand des Kampfschreies und der dazugehörenden Gestik erahnen.

Japanisch: "Kiai" (tiefer Zenkutsu-Dachi mit Gedan-Barai). Schwäbisch: "I schlag dorr glei d' Haxa ab, no kosch uff deine Stompa weitergraddla" (hoher Kiba-Dachi und Mostkrug schwingend). Gemeinsam haben beide Kulturkreise nach wie vor, dass nach einer fruchtlosen Drohung (=Schlichtungsversuch), die nächsten 1 bis 2 Sekunden für den Gegner sehr einprägsam verlaufen können.

Unsu ... Undsu ... Undso ... und so stand ich da, als einsamer, frischgebackener Gelbgurt mitten unter den Farbgurten, abseits der damals mir noch ziemlich unbekannten DAN-Träger und versuchte rührselig mit Händen, Armen und Beinen so herumzufuchteln und zu rudern, wie ich meinte von den anderen erkennen zu können. Ich spreche vom ersten Freitagstraining bei Carsten im April 2006.

Ein Jahr später stand ich vor einem Meister, ein weibliches Exemplar vermeinte ich wahrnehmen zu können. Dieses meinte gar: "Oh, lecker Frischfleisch!" Ich befürchtete, dass sie mich meinte, mich verhauen, quälen und zerstückeln wollte, um ihren vermeintlichen Imbiss zuzubereiten. Ich bat darum, mich wenigstens (schmerzfrei) am Stück zu verschlingen (Lehrgang mit Julian Cheese und Sensei Sasaki, circa eine Stunde vor meiner bestandenen Orangegurtprüfung).

Mittlerweile habe ich meine Wohnzimmerwände orange gestrichen, die Kissen auf dem Sofa orange überzogen, koche nur noch mit Möhren und orangenem Paprika, habe den Gelb- mit dem Orangegurt getauscht *). Als ich dann heute früh durch den orangenen Sonnenaufgang blickte, dachte ich: "Wini, es ist Zeit darüber nachzudenken!" Worüber genau wusste ich noch nicht, also dachte ich mal so über alles nach:

Am 12.04.2006 haben wir alle aus Thilos Anfängertraining die Prüfung zum 8. Kyu erfolgreich abgelegt. Fast genau ein Jahr später bestanden Kerstin und ich am 14.04.2007 die Prüfung zum 7. Kyu beim bereits erwähnten Lehrgang in Groß-Umstadt. Was war dazwischen geschehen?

Thilo hat in den Faschingsferien 2006 unser Anfängertraining um einen Sonntag erweitert, da der Mittwoch zu häufig ausfiel und wir einfach mehr üben mussten und wollten. Als neue Vereinsmitglieder standen uns dann sämtliche Trainingsangebote der TSG-Karate offen. Sonntag - Mittwoch - und Freitag gemischtes Training. Ich glaube um Pfingsten herum, ergab es sich, dass wir bei Alex (montags) mittrainieren durften. In den Schulferien war es dann sogar möglich bei Rudi (donnerstags) zu trainieren.

Ostern 2006 nahmen wir am großartigen mehrtägigen Oster-Lehrgang in Frankenthal bei Mannheim teil (Glad, Osterkamp, Sauer, Perchtold). Es folgte der mehrtägige Kata-Lehrgang in Karlsruhe-Neureuth (Ochi, Osterkamp, Cheese, Takashina, Fischer) und unser vereinsinterner Lehrgang mit Glad im Juli. Im Herbst nochmals Glad in Öschelbronn, Januar 2007 Ochi in Tamm, Februar 2007 Glad in Nagold und jetzt im April der Lehrgang in Groß-Umstadt. Halt! Nicht zu vergessen: unser vereinsinterner Gelbgurt-Lehrgang mit Thilo, Andi und Kian im vergangenen Februar!

Nachdenkliches

Beim Blick durch den Sonnenaufgang formten sich hinter den Träumen am Horizont Respekt, Achtsamkeit und Disziplin.

Ob Büroanzug, Jeans, Rolex; alles bleibt in der Umkleidekabine. Fahrrad oder Limousine auf dem Parkplatz. Neid, Eitelkeit, Überheblichkeit und sonst noch was werden spätestens vor dem Dojo ausgeatmet. Jeder trägt den gleichen weißen Gi und es zählt nur noch Karate.
Ich stehe vor meinem Gegenüber und respektiere ihn in seinem Können und Streben. Weder Neid vor dem Höheren, noch Hochmut vor dem blutigen Anfänger. Egal ob Kind, Jugendlicher, gleich alt oder älter. Deshalb verbeuge ich mich. Das Vertrauen in meine Trainer und Partner machen alle Alltagsschablonen überflüssig. Mit Beginn des Aufwärmtrainings steigert sich meine Achtsamkeit, damit ich niemand verletze und auch selbst nicht verletzt werde.

Die möglichst konzentrierte und exakte Ausführung sämtlicher Rituale und Zeremonien helfen mir während des Trainings Disziplin zu wahren. Das ist oft unheimlich schwer und erfordert jede Menge an Konzentration und mentaler Kraft - egal ob ich auf eine spezielle, sich immer wiederholende Bewegung Acht geben möchte, oder mich dazu zwinge, den Schweiß nicht während, sondern erst nach der Übung abzuwischen. Immer wieder ertappe ich mich jedoch dabei, wie ich mich an der Nase reibe oder das Hosenbein zurechtzupfe, also eigentlich doch reichlich unkonzentriert bin.

Die strenge Anleitung des Trainers gibt mir den Rahmen vor, innerhalb dessen ich mich bewegen und entwickeln kann. Dieses stellt keinesfalls eine Einschränkung meiner Persönlichkeit dar, sondern fokussiert das Ziel, lenkt mich in die Richtung in die sich mein Anfängerkarate weiterentwickeln soll.

Spätestens hier unterscheidet sich Karate - wie ich es gerne üben und können möchte - von anderen Sportarten.

So stehe ich mit leeren Händen da. Karate.

Oss.

Euer Wini
(Winfried Wiedersich)


Index:
*) Nach informeller Rücksprache mit der Familie, wurde mir ein Verbot für weitere Farbanpassungen der Wohnung und Nahrungsmittel nach Gürtelprüfungen erteilt.